Themen in der Flammenschmiede

Unsere Königsdisziplin sind die poetischen Werke unserer Autoren. Von Katja Jokisch bis Phelan Suchanek finden sich verschiedene Formen der Lyrik. 

Auch kleine Previews zu Geschichten und Romanen haben wir im Angebot sowie in Kürze mehr Workshops und Kritiken. Alles, was hier zu lesen ist, haben ausschließlich unsere Autoren der Flammenschmiede verfasst.

Viel Spaß beim Lesen!
Luna & Kirscha


 

Wyvern - Der Ruf des Drachen

 

Das Haus zu dem der Briefkasten gehörte war mehr eine Ruine, als ein bewohnbares Dach über dem Kopf. Ein Lichtstrahl einer Leselampe erhellte als einzige Lichtquelle die vier Räume des Hauses. Eigentlich war es viel ein einziges großes Zimmer mit Pappwänden, dass lediglich mit einem spärlichen Holztisch, einem ramponierten Sofa und drei kleinen Matratzen bestand. Von den Bewohnern des Hauses fehlte jede Spur. Nur die kleine Livia saß in ein abgegriffenes Buch vertieft nahe der Leselampe. Sie bemerkte anfangs nicht, dass sie neugierig und ebenso mit einer gewissen Hochachtung beäugt wurde. Erst als sie die letzte Seite ihres Schmökers umblätterte, blickte sie in die winzigen Drachenaugen des aufgeweckten kleinen Kerls, der in seinen Klauen einen an einem Faden befestigten Brief mit einem blauen Siegel hielt.

Mit einem selbstzufriedenen Grinsen ließ Dornenblut – so hieß der Flugdrache nämlich – den Faden so los, dass dessen blauer Briefumschlag genau vor die Augen des aufmerksamen Mädchens fielen.

Noch bevor Livia zu fragen vermochte, hatte sich Dornenblut wieder in die Lüfte erhoben. Genauso unbemerkt wie er gekommen war, war er auch schon wieder verschwunden.

 

Nur wenige Kilometer von diesem Geschehen entfernt, öffnete ein dunkelhaariger Junge, der einem Graf Dracula Junior beinahe aufs Haar geglichen hätte, einen ähnlich gestalteten Brief. An seinem Umhang krabbelten winzige und doch erhabene Spinnen, als er sorgfältig das strukturierte Papier herauszog. „Unverkennbar Sandelholz und Patchouly! Wie viele Jahre habe ich auf diesen Moment gewartet! Endlich kann ich beweisen, was ich wirklich kann! Großvater wird stolz auf mich sein!“

Der glückliche Lächeln wich einem arroganten Anflug von überhöhten Selbstbewusstsein. „Ja, ich werde der Beste sein! Wer könnte es schon mit mir aufnehmen?“Er spannte seinen schwarzen Regenschirm auf und segelte damit durch die große Villa seiner Eltern: „Endlich! Nun ist die Zeit heran, meine Freunde einzuweihen und auszufragen!“

„Der Marquis de Montregnier wird bald nach Firnstein reisen, „ Warf der dunkel gekleidete Mann ein, an dem Dracula Junior gerade eilig vorbei gerannt war, „ Wir müssen alles Erdenkliche arrangieren, dass die Fusion zustande kommt. Hoffen wir, Lucius wird sich dieses Mal zurückhalten. Ständig setzt Harold ihm Flausen in den Kopf. Ich sage ja nicht, dass es schlecht, wenn sie sich über seine Kindheit in Swansea unterhalten. Aber Lucius könnte seine Zeit so viel effektiver gestalten, wenn er nicht immer diesen Hokuspokus im Kopf hätte!“

Die gleichaltrige Dame nickte beiläufig, doch ihr stellten sich gänzlich andere Fragen: „ Wird Madame von Firnstein heute mit uns zu Abend essen ? Sie hat sich immer noch nicht gemeldet. Hoffentlich wird ihr nichts passiert sein!“

Der Graf von Firnstein zwang sich zu einem Lächeln: „ Nun, die Gräfin hält es nicht für angebracht, uns bei Verspätungen zu unterrichten. Gewiss wird sie mit ihrem Liebhaber die Straßen von München unsicher machen. Vielleicht hat sich ja vergessen, dass sie ihren Sohn besuchen kommen wollte. Oder es liegt daran, dass wir nicht blaublütig genug für Madame sind. - Ich würde ihnen vorschlagen, dass, wenn sie sich nicht in zwei Stunden gemeldet hat, Sie sie anrufen. Was mich betrifft, ich gehe heute Abend mit Charlène aus. Es ist ein Geschäftsessen. Charlène gehört zu den möglichen Investoren für unseres neues Projekt. Ich erwarte von ihnen, falls Vivienne heute nicht auftauchen sollte, dass sie sich voll und ganz um meinen Filius kümmern. Ich wünsche ihnen noch einen schönen Abend, Susette!”

 

 

 

 

Verzweifelt blickte Haran hinab in die Tiefe. Vor ihm erstreckte sich in voller Schönheit das Tal von Firnstein. Wie war er hierher gelangt. Er konnte sich einfach nicht mehr erinnern. Wäre doch Lori bei ihm. Sie hätte ganz bestimmt gewusst, was in einer solchen Situation zu tun wäre. „Ich werde verhungern, ich werde ganz bestimmt verhungern!“ Murmelte er panisch, nachdem er entsetzt festgestellt hatte, dass es weder einen Weg nach oben, noch nach unten gab. Würde er nach unten springen, dann wäre dies sein sicherer Tod. Erschöpft vom Suchen sank er in sich zusammen. Ein letztes Mal nahm er alle seine Kraft zusammen. Ein spitzer Schrei aus Leibeskräften verhallte ungehört durch das Tal. Dann verlor Haran das Bewusstsein.

Eine unscheinbare Silhouette erschien am Horizont. Es war unmöglich zu erkennen, was es genau war. Doch man konnte genau erkennen, was dann geschah. Jener graue Schatten hob behutsam den schlaffen Leib des jungen Novizen und trug ihn hinfort durch den mondlosen Nachthimmel. Ein silbern schimmernder Mondstirnreif jedoch blieb verborgen an jenem Ort liegen.

 

„Vivienne, jetzt renn doch nicht so schnell! Wir haben doch noch eine Menge Zeit, bis zu unserem Treffen mit Montregnier. Was hast du denn nur?“ Schwer keuchend hechtete Manfred hinter ihr her. Für ihn war gerade die Welt untergegangen. Der blasierte Geschäftsmann hatte sich dieses Mal alle Mühe gegeben. Das gesamte Haus hatte er für sie mit Rosen und Nelken ausstaffiert, Kerzen im Wohnzimmer verteilt und sogar ein Drei-Gänge-Menü hatte er vorbereitet. Doch davon ahnte Vivienne nichts. Gerade eben war alles noch so schön zwischen ihnen verlaufen. Manfred hatte sie beinahe geküsst. Genau in jenem Moment war sie aufgesprungen. Wild fuchtelnd hatte sie ihren Mantel angezogen. Seitdem lief sie im Eiltempo durch den Wald, als suche sie jemanden. Dann glaubte er ihr Ziel erkannt zu haben. Die Festung von Firnstein breitete sich in ihrer Pracht vor ihnen aus. Anstatt nach rechts zum Toreingang zu gehen, lief sie direkt auf eine Eiche neben dem Turm zu. „Wo willst du hin, Vivienne? Was hast du vor?“ Nun gestikulierte der hilflos wirkende Manfred, als könne er dadurch eher eine Antwort erhalten. Die dunkelblonde Dame neben ihm aber beachtete ihn nicht weiter. Ihre Schritte wurden schneller und schneller. Nach einigen Minuten blieb Manfred neben der Mauer des anderen Turmes stehen, um zu verschnaufen. Plötzlich jedoch hatte er sie aus den Augen verloren. Wohin war sie verschwunden? Die Frau, die er soeben kennengelernt hatte , ähnelte nicht im geringsten jener Vivienne, die er vor zwei Wochen kennengelernt hatte. Er hatte ihre Launen und ihren Geschäftssinn zu schätzen gelernt. Jetzt jedoch versprach er sich nicht mehr, jene hübsche Verwalterin zu erobern. Nein, irgendetwas warnte ihn davor sie wieder zu sehen. Sobald er wieder ausreichend Luft zum Atmen geschöpft hatte, rang er sich dazu durch die Klingel zu läuten.

Erstaunt blickte er den Grafen von Firnstein an. Dieser Mann jagte ihm einen großen Schrecken ein, ohne dass dieser auch nur etwas zu tun brauchte. Der Graf stand einfach nur an der Tür und blickte ihn mit jeder Sekunde immer feindseliger an. Auf einmal war ihm jeder Mut geschwunden, den Grafen um Einlass zu bitten.

Die unheilvolle Stille wurde von der tiefen Stimme des Grafen unterbrochen: „Nun, was ist euer Begehr? Was führt euch nach Firnstein, junger Mühlstein? Hat sie euch nun auch schon abserviert? Euer Vater, der alte Mühlstein, hat euch ja zur Genüge gewarnt. Ihr aber wolltet es nicht glauben. Sie ist keine gewöhnliche Frau. Tief in ihr steckt eine Raubkatze, die dem Löwen zu trotzen vermag. Aber was wisst ihr schon. Ihr seid nur ein einfacher Mensch, der ihrer nicht würdig ist!“

Verdutzt blickte Manfred ihn an: „Was meinen Sie damit, Herr Graf?“

„Wenn ich ihnen einen Rat geben soll, vergessen Sie alles, was Sie je mit ihr erlebt haben. Vergessen Sie sie, junger Mühlstein – bevor es zu spät ist!“

Ohne weiter auf Manfred einzugehen drängte er sich an ihm vorbei und stieg in den blutroten Audi. Ein kurzes Motorbrausen war zu hören und dann war er ebenso schnell verschwunden wie seine ehemalige Gattin. Ratlos blieb Manfred an der offenen Eingangstür stehen.

 

 

„Was hast du da? Was ist das? Gib es sofort her! Ich will es sofort sehen!“ Raunte die krächzende Stimme ihr heiser zu, „Ich will es jetzt haben und zwar sofort! Wenn du es mir nicht gibst, dann werde ich deine geliebten Bücher verbrennen!“ Das dunkle Wesen schlug mit der Faust auf den schmalen Tisch auf, so dass er krachte. Die Splitter verteilten sich ungleichmäßig im Raum und trafen eine stille Beobachterin. Langsam schlich sie sich an den mit Krähenfedern bestückten Umhang. Eine Fuhre von Büchern landete im knisternden Feuer. Dann hörte sie ein Schluchzen und sie packte geschwind den Umhang und riss ihn mit aller Kraft von dem Wesen ab. Funken zerstoben und der Umhang löste sich in ein Heer von Krähen auf. Qualvoll schrie das krächzende Wesen auf und es bedurfte keine Minute, da zerfiel das Wesen. Der Schakalköpfige stieß sie fluchend in eine glibbrige rotschimmernde Substanz seiner rechten Hinterpfote.

„Seid verflucht bis an euer Lebensende, Herrin von Tigerfell! „Möget ihr genauso leiden, wie ihr mich gequält habt! Möge der Tod sich langsam über euch ausbreiten!“ Ein heißer Schauer überlief die zarte Gestalt der Jägerin. Im nächsten Augenblick waren die Tierpfoten und der restliche Leib des Wesens verschwunden.

Alles schien ihr nun verloren. Ihre Pflegefamilie hatte man schon früh in ihrer Kindheit ermordet. Dann hatte man sie entführt. Sie hatte gelernt mit Oisbu auszukommen. Immer hatte sie Oisbu gehorcht. Sie kannte die Strafe für Ungehorsam. Irgendwie hatte sie Oisbu über die Jahre liebgewonnen. Nie aber hatte sie darüber nachgedacht, wie es wäre frei zu sein. Nie wieder in dieser kleinen Hütte wohnen zu müssen. Erst als sie den Brief erhalten hatte, waren ihr Gedanken gekommen, dass es nicht richtig war, dem Schakalköpfigen zu dienen. Er hatte sie allem beraubt, ihrer Familie, ihrer Hauskatze Phaelis und heute nun auch ihren geliebten Büchern, die alles gewesen waren, dass sie an ihr vorheriges Leben erinnerten. Warum fiel es ihr nur so schwer zu akzeptieren, dass sie nun frei war? Jetzt stand ihr die Welt offen. Jetzt durfte sie wieder unter Menschen leben – und doch hatte sie Angst der Welt da draußen nicht mehr gewachsen zu sein. Jahrelang hatte sie Bücher gelesen und das war ihr einziger Trost gewesen. Sie selbst hatte von den Wirren zwischen Menschen gelesen. Die Menschen da draußen waren wahrscheinlich nicht weniger unfreundlich, als Oisbu zu ihr gewesen war. Sie hatte sich nicht zu beklagen gewusst. Man hatte ihr ausreichend Essen gegeben und sie auch nie frieren lassen. Das Feuer brannte immer. Egal ob jemand ihr Gesellschaft leistete oder nicht. So morsch das Haus auch gewesen war, es war ihr unmöglich gewesen, die Tür zu öffnen oder sich ein Loch zu graben. Irgendwann hatte sie sich auch keine Gedanken mehr um die Flucht gemacht. Was aber würde nun geschehen? Würde man sie wieder aussetzen? Von ihren damaligen Pflegemutter hatte sie erfahren, dass ihre leibliche Familie sie einfach in einen großen Korb in den Wald gelegt hatten. Einige Jahre später hatte sie ebenso erfahren, dass sie keine leiblichen Verwandte mehr hatte. Alle seien bei einem Flugzeugunglück umgekommen. Tatsächlich aber wurden sie – das hatte sie von Oisbu erfahren – ebenso hingerichtet wie ihre Pflegefamilie einige Wochen später. Damals war sie elf Jahre alt gewesen.

 

Es war seltsam, aber die dunkelblonde Frau erinnerte sie an jemanden, doch sie wusste beim besten Willen nicht an wen. Hochmütig und doch liebevoll nahm die Frau sie in die Arme. Ebenso zwiespältig fühlte sich auch ihre Umarmung an. Livia spürte Angst und Vertrauen im gleichen Maß aufkommen. Welchem Gefühl sollte sie trauen?

Hastig wurde sie durch den Wald gezogen. Jeglicher Orientierungssinn wurde gebrochen. Es schien alles zu verschwimmen und plötzlich standen sie vor einer riesigen Festung.

 

„Lucius, Lucius, wach auf,“ Säuselten die weichen hohen Stimmen in seinem Traum. Müde und mühevoll riss er seine Augen auf. Wo befand er sich? Dies war scheinbar ein Geheimgang. Noch nie hatte er ihn zuvor betreten, doch instinktiv wusste er, dass er sich nahe der Festung befand. Ein Zischen verriet ihm, dass er nicht allein war. Irgendwo schritt jemand auf ihn zu. Blitzschnell wich er hinter eine Steinsäule und duckte sich. Scheinbar hatte es ihn nicht bemerkt. Was auch immer es war, er spürte, wie gefährlich es war. Unterbewusst faltete er ein Dach über seinem Kopf, während er überlegte, was er jetzt tun wollte. Sollte er sich an dieses Ding wagen? Mutig erhob er sich, doch da betätigte er aus Versehen einen Mechanismus, der ihn einige Meter tief fallen ließ.

Mit Schmerzen erwachte er. Sein Fuß hatte sich verdreht und er spürte, wie das Blut durch seine Adern pulsierte. Blut triefte von seinen Mundwinkeln herab, so dass er jetzt wahrhaftig wie ein blutlüsternder Vampir aussah. Lucius blickte stöhnend um sich. Befriedigt entdeckte er neben der steilen Öffnung über sich eine horizontale Rohröffnung, die sich zwei Meter über ihm erhob.

Er griff tief unter seinen schwarzen Pullover und hievte eine mittelgroße Spinne hervor: „Komm, Zaphyria, zeig, was du kannst!“

Daraufhin spann Zaphyria ein Netz so fest wie ein Seil.

„Hab Dank Zaphyria, eines Tages werde ich mich dafür bei dir revanchieren.“ Vorsichtig krabbelte er das Rohr entlang.

 

Ein Wiedersehen

Tavio Flattermäulchen sprang vergnügt durch die Wälder von Auensee. Amüsiert linste er den Fremdling an. Menschen waren schon komische Wesen. Drei Jahre waren vergangen, seitdem Livia ihre magische Ausbildung absolviert hatte. Wenn Livia seinen Humor nur teilen würde. Aber seine Meisterin war immer so ernst geblieben. Wieder blickte er auf den Eindringling in dem Netz. Fröhlich hüpfte er auf einem Bein zu Magistra Livia. [...]

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